Rilke, Brigge

Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Es giebt Teppiche hier, Abelone, Wandteppiche.  Ich bilde mir ein, du  bist da, sechs Teppiche sinds, komm, laß uns langsam vorübergehen.  Aber erst tritt zurück und sieh alle zugleich.  Wie ruhig sie sind,  nicht?  Es ist wenig Abwechslung darin.  Da ist immer diese ovale  blaue Insel, schwebend im zurückhaltend roten Grund, der blumig ist  und von kleinen, mit sich beschäftigten Tieren bewohnt.  Nur dort, im  letzten Teppich, steigt die Insel ein wenig auf, als ob sie leichter  geworden sei.  Sie trägt immer eine Gestalt, eine Frau in  verschiedener Tracht, aber immer dieselbe.  Zuweilen ist eine kleinere  Figur neben ihr, eine Dienerin, und immer sind die wappentragenden  Tiere da, groß, mit auf der Insel, mit in der Handlung.  Links ein  Löwe, und rechts, hell, das Einhorn; sie halten die gleichen Banner,  die hoch über ihnen zeigen: drei silberne Monde, steigend, in blauer Binde auf rotem Feld.--Hast du gesehen, willst du beim ersten beginnen?

Sie füttert den Falken.  Wie herrlich ihr Anzug ist.  Der Vogel ist auf der gekleideten Hand und rührt sich.  Sie sieht ihm zu und langt dabei in die Schale, die ihr die Dienerin bringt, um ihm etwas zu reichen.  Rechts unten auf der Schleppe hält sich ein kleiner, seidenhaariger Hund, der aufsieht und hofft, man werde sich seiner erinnern.  Und, hast du bemerkt, ein niederes Rosengitter schließt hinten die Insel ab.  Die Wappentiere steigen heraldisch hochmütig. Das Wappen ist ihnen noch einmal als Mantel umgegeben.  Eine schöne Agraffe hält es zusammen.  Es weht.

Geht man nicht unwillkürlich leiser zu dem nächsten Teppich hin, sobald man gewahrt, wie versunken sie ist: sie bindet einen Kranz, eine kleine, runde Krone aus Blumen.  Nachdenklich wählt sie die Farbe der nächsten Nelke in dem flachen Becken, das ihr die Dienerin hält, während sie die vorige anreiht.  Hinten auf einer Bank steht unbenutzt ein Korb voller Rosen, den ein Affe entdeckt hat.  Diesmal sollten es Nelken sein.  Der Löwe nimmt nicht mehr teil; aber rechts das Einhorn begreift.

Mußte nicht Musik kommen in diese Stille, war sie nicht schon verhalten da?  Schwer und still geschmückt, ist sie (wie langsam, nicht?) an die tragbare Orgel getreten und spielt, stehend, durch das Pfeifenwerk abgetrennt von der Dienerin, die jenseits die Bälge bewegt. So schön war sie noch nie.  Wunderlich ist das Haar in zwei Flechten nach vorn genommen und über dem Kopfputz oben zusammengefaßt, so daß es mit seinen Enden aus dem Bund aufsteigt wie ein kurzer Helmbusch. Verstimmt erträgt der Löwe die Töne, ungern, Geheul verbeißend.  Das Einhorn aber ist schön, wie in Wellen bewegt.

Die Insel wird breit.  Ein Zelt ist errichtet.  Aus blauem Damast und goldgeflammt.  Die Tiere raffen es auf, und schlicht beinah in ihrem fürstlichen Kleid tritt sie vor.  Denn was sind ihre Perlen gegen sie selbst.  Die Dienerin hat eine kleine Truhe geöffnet, und sie hebt nun eine Kette heraus, ein schweres, herrliches Kleinod, das immer verschlossen war.  Der kleine Hund sitzt bei ihr, erhöht, auf bereitetem Platz und sieht es an.  Und hast du den Spruch entdeckt auf dem Zeltrand oben?  Da steht: 'A mon seul désir.'

Was ist geschehen, warum springt das kleine Kaninchen da unten, warum sieht man gleich, daß es springt?  Alles ist so befangen.  Der Löwe hat nichts zu tun.  Sie selbst hält das Banner.  Oder hält sie sich dran?  Sie hat mit der anderen Hand nach dem Horn des Einhorns gefaßt. Ist das Trauer, kann Trauer so aufrecht sein, und ein Trauerkleid so verschwiegen wie dieser grünschwarze Samt mit den welken Stellen?

Aber es kommt noch ein Fest, niemand ist geladen dazu.  Erwartung spielt dabei keine Rolle.  Es ist alles da.  Alles für immer.  Der Löwe sieht sich fast drohend um: es darf niemand kommen.  Wir haben sie noch nie müde gesehen; ist sie müde?  Oder hat sie sich nur niedergelassen, weil sie etwas Schweres hält?  Man könnte meinen, eine Monstranz.  Aber sie neigt den andern Arm gegen das Einhorn hin, und das Tier bäumt sich geschmeichelt auf und steigt und stützt sich auf ihren Schooß.  Es ist ein Spiegel, was sie hält.  Siehst du: sie zeigt dem Einhorn sein Bild--.

Abelone, ich bilde mir ein, du bist da.  Begreifst du, Abelone?  Ich denke, du mußt begreifen.

Nun sind auch die Teppiche der Dame à la Licorne nicht mehr in dem alten Schloß von Boussac.  Die Zeit ist da, wo alles aus den Häusern fortkommt, sie können nichts mehr behalten.  Die Gefahr ist sicherer geworden als die Sicherheit.  Niemand aus dem Geschlecht der Delle Viste geht neben einem her und hat das im Blut.  Sie sind alle vorbei.  Niemand spricht deinen Namen aus, Pierre d'Aubusson, großer Großmeister aus uraltem Hause, auf dessen Willen hin vielleicht diese Bilder gewebt wurden, die alles preisen und nichts preisgeben.  (Ach, daß die Dichter je anders von Frauen geschrieben haben, wörtlicher, wie sie meinten.  Es ist sicher, wir durften nichts wissen als das.) Nun kommt man zufällig davor unter Zufälligen und erschrickt fast, nicht geladen zu sein.  Aber da sind andere und gehen vorüber, wenn es auch nie viele sind.  Die jungen Leute halten sich kaum auf, es sei denn, daß das irgendwie in ihr Fach gehört, diese Dinge einmal gesehen zu haben, auf die oder jene bestimmte Eigenschaft hin.