Mahabharata

Die Mahabharata-Erzählung:

Der Rsi Vibhandaka, ein großer Büßer, wohnt am Ufer eines großen Sees. Einst erblickt er die Apsaras Urvasi und sein Samen floß in den Fluß. Er badet sich darauf. Eine durstige Gazelle trinkt das Wasser, das er gebraucht hat, und wird davon schwanger. Ihr hatte einst, als sie ein Göttermädchen war, der Weltenschöpfer geweissagt, daß sie eine Gazelle werden und, nachdem sie als solche einen Muni geboren, erlöst werden würde. So gebiert sie denn einen Knaben, der ein Horn auf dem Haupte hat. Daher wird er Rsyasrnga genannt. Allein, ohne einen Menschen außer seinem Vater zu kennen, wächst er auf und wird ein frommer Büßer.

Zu dieser Zeit aber war der Freund des Dasaratha, Lomapada mit Namen, der Fürst der Angas (110,41).

Er betrog absichtlich einen Brahmanen; so lautet unsere Überlieferung. Er wurde von den Brahmanen verlassen, der Herr der Erde. (42)

Und einst ließ der Tausendäugige es wegen eines Versehens des Purohita dieses Königs nicht regnen; daher litten die Untertanen Not. (43)

Er befragte die Brahmanen, die bußegewohnten, weisen, die fähig waren, dem Götterkönig zum Regnen zu zwingen, o Beherrscher der Erde: “Man muß ein Mittel finden, daß Parjana regne”. (44, 45a)

Aufgefordert sagten jene Weisen ihm ihre Meinungen; ein trefflicher Muni unter ihnen aber sprach zu dem Könige: (45b, 46 a)

“Die Brahmanen sind erzürnt auf dich, großer König; mache eine Sühne. Und hole den Rsyasrnga, den Sohn des Muni, herbei, o Fürst, der im Walde wohnt, die Weiber nicht kennt und sich am Rechten freut. (46 b, 47)

Wenn dieser große Büßer dein Reich betritt, o König, wird Parjanya sofort regnen; daran zweifle ich nicht. (48)

Als er diese Rede gehört, o König, und seine Sühne seiner Person gemacht hatte und gegangen war, kam er wieder, nachdem die Brahmanen versöhnt waren. Als die Untertanen gehört hatten, daß der König gekommen sei, freuten sie sich. (49, 50 a)

Nun berät sich der König mit den Ministern über die Art und Weise, wie man den Rsyasrnga herbeischaffen könne. Er beauftragt die Hetären mit dieser Mission, und eine alte Buhlerin findet sich denn auch gegen entsprechende Belohnung dazu bereit. Sie läßt auf einem Floß eine Einsiedelei erbauen, belädt sie mit allerlei verführerischen Gegenständen und fährt damit nach der Einsiedelei ab. Nachdem sie den Aufenthaltsort des Rsi ermittelt hat, sendet sie ihre Tochter (Anmerkung: vermutlich richtiger die Königstochter Santa) zur Verführung des Rsyasrnga ab. Die beiden begrüßen sich freundlich – Rsyasrnga natürlich in dem Glauben, einen Büßer vor sich zu haben – und die Hetäre erzählt ihm auf Befragen, daß ihre Einsiedelei drei Meilen hinter dem Berge liege. Die Wurzeln und Früchte, die er ihr anbietet, schlägt sie aus und gibt ihm vielmehr von den mitgebrachten Kränzen, Gewändern, Speisen und Getränken. Mit einem Ball spielt sie in seiner Nähe und reizt ihn durch Umarmungen zur Liebe. Dann geht sie unter dem Vorwand, ihr Feuer besorgen zu müssen, fort. Dem Rsyasrnga ist traurig zumute, als er sich wieder allein sieht. In dieser Stimmung findet ihn der heimkehrende Vater. Befragt, gibt ihm Rsyasrnga eine sehr genaue Beschreibung des wunderbaren Büßers, der ihn besucht hat. Der Alte warnt ihn vor solchen Unholden; er geht sogar aus, um die Verführerin zu suchen, allein umsonst. Als er wieder einmal fort gegangen ist, kommt die Hetäre zurück. Voll Freude begrüßt Rsyasrnga sie und geht jetzt mit ihr zu der schwimmenden Einsiedelei. Kaum hat er diese betreten, als man die Taue löst, und so schwimmt die ganze Einsiedelei mitsamt dem Rsyasrnga und den Hetären zu der Residenz des Königs. Als dieser Rsyasrnga in den Harem geführt hat, regnet es in Strömen. Der König gibt dem Büßer darauf seine Tochter Santa zur Frau.

Als Vibhandaka heimkommt und den Sohn nicht findet, ahnt er was vorgefallen und macht sich voller Zorn nach Campa, der Residenz des Lomapada, auf, um den König mitsamt seiner Stadt und seinem Reich zu verbrennen. Der König aber hat dies verausgesehen und hat die Weiden an den Landstraßen dem Rsyasrnga geschenkt und den Hirten befohlen, wenn der alte Rsi komme, ihm zu sagen, das alles dies der Besitz seines Sohnes sei. Als nun der Rsi sieht, welch gewaltigen Reichtum der König seinem Sohne verliehen, verraucht sein Stolz allmählich, und als er in Campa angekommen ist, söhnt er sich mit den Verhältnissen aus und läßt sich nur versprechen, das Rsyasrnga nach der Geburt seines Sohnes wieder zu ihm in den Wald komme. Rsyasrnga erfüllt dies und zieht, von seinem Weibe begleitet, in den Wald.

Es gibt zwei Widersprüche in dieser Legende:

Der König fragt die Brahmanen um Rat. Diese haben ihn aber im Zorn verlassen. War die Kränkung der Brahmanen der Grund für die Dürre, gab es nach der Aussöhnung mit ihnen keinen Grund, den Rsyasrnga zu holen. Es scheint, daß die Kränkung und Versöhnung der Brahmanen später erst eingefügt worden ist.

Die Legende des Rsyasrnga gehört der sogenannten Tithayatra an. Lomasa macht mit den Brüdern des Arjuna und der Krsna eine Wallfahrt. Bei jedem Tirtha erzählt er dessen Geschichte, wodurch eine große Anzahl von Legenden vereinigt werden.Lomasa deutet beim Anblick der Tirtha kurz die mit ihm verknüpfte Geschichte an, worauf ihn die angeredete Person unter nochmaliger Aufzählung der Hauptpunkte bittet, die Geschichte ausführlich zu erzählen. Auch hier scheint bei der Rsyasrnga-Legende die Frage des Yudhisthira nach dem Grund der Dürre nachträglich eingeschoben, da sie entgegen der Reihenfolge der Ereignisse erst ganz zum Schluß gestellt wird.

Auch daß der König mit einem Male Rsyasrnga seine Tochter Santa zur Frau gibt, erscheint nicht recht schlüssig. In Harivamsa, Visnup. 93, 5 ff wird erzählt, wie Pradyumna, als Schauspieler verkleidet, unter anderem die Entführung des Rsyasrnga durch Santa in Begleitung von Hetären aufführt. Auch die Buddhacarita Iv, 19 weist darauf hin. In der Rahmenerzählung Tirthayatra wird die Frage gestellt: “Und wie sah jene Santa aus, die energische Königstochter, die den Sinn des Gazellengeborenen betörte?”

Durch Auslassung der bereits rot angemerkten Stellen der Legende erscheint diese tatsächlich insgesamt schlüssiger.