Kandjur

Die Kandjur-Erzählung

[Einst lebte ein Rsi in einer Waldgegend.] Da er die fünf Klarsichten erlangt hatte, wohnten sogar wilde Gazellen, ihm Gesellschaft leistend, in der Einsiedelei. Als er eines Tages an einem anderen Ort ging, um sein Wasser zu lassen, folgte ihm ein Gazellenweibchen nach. Als er mit Samen vermischten Harn von sich gegeben hatte, sog die Gazelle diesen auf und beleckte mit der Zunge ihre Geschlechtsteile. Da die Folgen der menschlichen Handlungen nicht durch den Gedanken erfaßt werden können, geschah es, daß sie trächtig wurde. Zur Zeit, da sie werfen sollte, begab sie sich dahin, und es kam ein Knäblein zur Welt. [Die Gazelle ließ es im Stich.] Als nun der Rsi an den Ort gelangte und das Kind erblickt hatte, fing er an nachzudenken, wessen Kind dies sein könnte, und er erkannte, daß es sein eigenes Kind sei. Er nahm es mit in seine Einsiedelei und zog es daselbst auf. Als der Knabe groß geworden war, wuchsen ihm auf dem Kopf Gazellenhörner, aus diesem Grund nannte er den Knaben Rsyasrnga (Gazellenhorn).

[Nach einiger Zeit wurde nun der Alte krank und starb, nachdem er seinen Sohn ermahnt hatte, fremde Rsis recht freundlich aufzunehmen. Der Sohn bestattete ihn und betrauerte ihn, wie es sich gebührt.]

Als er zu einer anderen Zeit mit einem Krug nach Wasser gegangen war, begann es die Gottheit regnen zu lassen; als er mit dem Krug, der mit Wasser gefüllt war, gegangen kam, ließ er ihn fallen, so daß er zerbrach. Die Rsi’s sind sehr schnell zum Zorn geneigt. Da er nun das wenige Wasser verschüttet hatte, machte er der Gottheit Vorwürfe und sagte: “Da durch dein schlechtes Verfahren mein voller Wasserkrug zerschlagen worden war, sollst du es vom heutigen Tag an zwölf Jahre lang nicht regnen lassen.” Durch diesen Fluch ließ die Gottheit es nicht regnen. In Varapasi entstand eine große Hungernot und die Menschenschaaren wanderten überall hin aus. Der König rief die Zeichendeuter und sprach zu ihnen: “Geehrte, durch wessen Kraft ist es, daß die Gottheit keinen Regen sendet?” Sie antworteten: “Durch den Zorn eines Rsi. Kann man diesen in seiner Bußübung stören, so wird die Gottheit wieder Regen senden; anders ist es nicht möglich.” Der König saß in Gedanken versunken da; es fragten die Gattinnen, die Prinzen und die Minister: “Oh König, weshalb weshalb bist du mißvergnügt?” Er entgegnete: “Wegen des Zorns eines Rsi sendet die Gottheit keinen Regen; die Zeichendeuter haben ausgesagt, daß, wenn der Rsi in seiner Bußübung gestört werden könnte, die Gottheit wieder Regen senden würde, anders sei es nicht möglich. Nun weiß ich nicht, wer ihn in der Buße stören könnte.” Eine Tochter des Königs, namens Santa, sagte: “Oh König, wenn es sich so verhält, so beruhige dich; ich werde es so einrichten, daß der Rsi durchaus aus dieser Bußübung gebracht werde.” Der König fragte: “Durch welche Vorkehrung?” Sie entgegnete: “Laß mich und andere Frauen bei den Brahmanan Geheimsprüche lernen; laß auf einer Fähre eine mit Blumen. Früchten und Wasser ausgestattete Einsiedelei errichten. [Dies geschieht.] Darauf ließ sie berückende Gegenstände und mit Wein gefüllte Früchte und andere sehr bunte Früchte verschiedener Art anfertigen, richtete ihr Aussehen wie das der Rsi’s ein, kleidete sich mit Gräsern und Baumrinde und begab sich mit den Frauenzimmern, welche bei den Brahmanen Geheimsprüche erlernt hatten, zur Einsiedelei jenen Rsi. Es sprachen die Schüler zum Rsi: “Oh Lehrer, es sind zu deiner Einsiedelei viele Rsi’s gekommen.” “Gut ist es, daß Rsi’s gekommen sind, führet sie herein.” Als sie eingetreten waren und er sie erblickt hatte, sprach er in Versen: “Oh weh, früher ist ein solches Rsi-Aussehen nicht vorgekommen, ein unsteter schwebender Gang, das Anlitz frei von Bart, die Brüste auf- und niedersteigend.” Er bewirtete sie mit zweifelumstricktem Sinne mit Wurzeln und Früchten. Sie genossen dieselben und sprachen zum Rsi: “Deine Früchte sind rauh und herb, die in unserer, auf dem Wasser befindlichen Einsiedelei vorhandenen Früchte sind Amrta-gleich; deshalb laden wir dich in unsere Einsiedelei ein.” Er nahm die Einladung an und begab sich mit ihnen in den auf der Fähre befindlichen Lusthain, wo sie ihm die betäubenden Sachen und die mit Wein gefüllten Kokosnüsse und andere Früchte verabreichten. Als er durch den Wein berauscht und durch die berückenden Gegenstände gebannt, mit ihnen sich unreinem Verkehr hingab, schwand seine Zauberkraft. Die am Regen Freude habende Gottheit zog die Wolken von allen Seiten zusammen, und der Rsi wurde durch jene zurückgehalten. Santa sagte: “Weißt du jetzt, welche Macht es ist?” Sie brachte ihn, nachdem sie ihn durch Liebesbande gefesselt hatte zum König und sprach: “Oh König, dieser ist es.” Da nun die Gottheit Regen zu senden begann, kam eine gute Ernte. Der König gab Santa nebst Gefolge jenem Rsi als Gattin.

Als derselbe aber, Santa verlassend, mit anderen Frauen sich der Liebe hinzugeben begann, fing auch Santa mit ihrem von Neid vernichteten Gemüt an, ihn geringschätzig zu behandeln, und als sie im Wortwechsel mit ihm ihm mit dem Schuh einen Stoß an den Kopf versetzt hatte, dachte er: “Ich, der ich den Donner des Gewölks nicht habe ertragen können, soll mich jetzt, durch Liebesbande gefesselt, von einem Weib vernichten lassen.” Er gab sich aufs Neue der Anstrengung hin und gelangte dann wieder in den Besitz der fünf Klarsichten.

In dieser tibetischen Fassung der Rsyasrnga-Legende ist es die Königstochter Santa selbst, die ihn verführt. Sie scheint daher älter als die Sanskrit-Fassungen zu sein. Die Verfluchung des Gottes durch Rsyasrnga, daß er von Schülern umgeben ist, sein Schicksal nach der Verheiratung und der Tod des Vaters vor seiner Entführung scheinen Neubildungen zu sein.