Von einem König

Von  einem könig, schneyder, rysen, einhorn und wilden schwein.

In einem stätlein Romandia ein schneider gesessen, welcher auff ein Zeit, als er gearbeit, einen apffel bei ihm ligen gehabt, darauff vil fliegen (wie dann sommers zeiten gewonlich) gesessen. Das dem schneider zorn thon hat, ein fleck von tuch genommen, auff den apffel geschlagen und der fleügen siben erschlagen. ...
... Dem schneider noch einmal saget, wie er ein einhorn im walde hette, der ihme so sehr grossen schaden an fiech und leüt thete; wann er dasselbig fieng, wolt er im die tochter geben.
Der schneider war sein wol zu friden, nam ein strickelein, gieng zum wald, befahle seinen zugeordneten heraussen zuwarten, er wolt allein hinein. Spatzieret also im walde umbher, in dem ersicht er das einhorn gegen ime daher springen der meinung in umbzubringen. Der schneider aber war nit unbehendt, wartet, biß das einhorn gar nahe zu im kam; und als es nahe bey im was, stelt er sich hinder dem baum, dabey er zu aller nächst war. Das einhorn aber, so sich inn vollem lauff nicht wenden kundt, mit dem horn in baum lieff und also darinn unverwendt stecken blyb.
Als solches der schneyder sahe, herzu gienge, dem einhorn den strick, so er mit ime genommen hat, umb den halß thet und an den baum bande, hinauß zu seinen gesellen gienge, inen sein sig des einhorns anzeiget. Solchs hernach dem könig zuwissen thete, welcher auß der massen trawrig war, nicht wüst, wie ihm zuthun were; dann der schneider der tochter begert. ...
                                     Martin Montanus, Schwankbücher, 1557 - 1566

Van einem köninge, Bönhasen, Resen, Einhorne vnd wilden Swyne.

In einem Stedelin, Romandia genömet, ys ein Bönhase geseten, de vp ein tydt, alse he gearbeidet, einen appel by sick liggende gehatt, darup vele flegen geseten, dat en sehr törnich mekede, einen lappen wandes genamen, vp den appel geslagen vund der flegen söuen erslagen. ...
... Dem snyder noch einmal sede, wo he ein Einhorn im Walde hedde, dat em so grothen schaden an Vee vnd lüden dede; wenn he datsülue venge, so wolde he em de dochter geuen.
De snyder was des wol tho freden, nam ein strick vnd ginck thom walde, befoel den, de by em weren, her buten tho wachtende, he wold allene in den Woldt. Vnd he spatzerede also her vmmer; in dem sach he dat Einhorn jegen em hertho springen, gedachte ene vmme tho bringen. De snyder was nicht vnbehendt, töuet, beth dat jdt gar na to em quam, vnd alse ydt nahe by em was, tret he hinder den negesten bom. Dat Einhorne öuerst, dat sick im vullen lope nicht wenden konde, mit dem horne in dem boem leep vnd also darinne vnuorwendet steckende bleeff. Also balde trat de snyder tho vnd dhede dat strick dem Einhorne vmme den hals vnd bandt ydt an den boem vnd ginck hen tho synen gesellen vnd secht en syne auerwinninge des Einhorns an.
Darna dem köninge tho weten deden, de daruan hertlick trurich was, wüste nicht, wo em tho donde were; wente de Bönhase der dochter begerde.
                                               Der Wegekörter von 1592, niederdeutsch
                                               Herausgeber unbekannt

Warum die schneider so stoltz.

Für Zeiten begab sichs, daß eine jungfrau vor einem schneiderpursch vorüberging und hatte einen korb voll äpffel. Wie nun unter diesen schneider gesellen einer war, der das mägdlein kennet, giebt er ihr einen freundlichen blick; da wirfft sie ihm einen apffel zu. Denselben leget er neben sich ans fenster, und weil es schon mittag war, ward er zur mahlzeit beruffen, lässet also den apffel liegen und geht zum essen. Wie er nun gessen hatte und wieder zu seiner arbeit gehen will, siehe da haben sich unzehlich viel fliegen auf den apffel gesetzt, sich zu erlaben. Da wird der schneider im zorn erhitzet und fasset in der fury einen lappen und schmeisst in allem grimm auf die armen fliegen, daß ihrer sieben das leben einbüssen. ...
... Nun hatte der könig zu der zeit ein einhorn in seinem lande, welches dem reisenden mann und sonst den menschen grossen schaden zufügte und hielt sich im nächsten walde auf. Da sprach der könig zu Freymod (dann so nannte sich der schneider): “Lieber künftiger eidam, wir zweifeln nicht an deiner tapfferkeit, weil wir derselben vorlängsts gesichert seyn. Darum bitten wir dich, daß du uns das einhorn, das in unserem lande ist und sich vornehmlich in dem nächsten wald aufhält, entweder tödten oder lebendig fangen wilt. Alsdann solt du meine tochter zum weibe haben.” Er war aber von des königs räthen wie auch von des königs tochter also angestellet; denn sie Freymod nicht zum besten gewogen.
Wie nun Freymod des königs meynung vernam, schickt er sich zur reise; denn er hatte des königs tochter sehr lieb Waget derowegen sein leben und gieng in den wald, nahm nicht mehr als seinen degen und einen strick zu sich. Wie er nun lange in den wald hin und her gangen war, da wird er das einhorn gewahr, welches von fern in voller furie auf ihn daher lauffen kömmt. Der gute Freymod hatte nicht lange zeit sich zu bedenken, stellete sich geschwind an einen dicken baum. Wie nun das einhorn in so schneller eile auf ihn zuläufft, in meynung ihn durch und durch zu lauffen, da säumet er sich nicht lange, und weil er doch so leicht auf seinen füssen war, sprang er geschwind beyseit. Also lieff das einhorn in solcher schnelle sein horn fast halb in den baum, daß es dasselbe nicht wieder zurück ziehen könte. Da sprang Freymod geschwind herzu und nahm sein strick und schnüret ihm die kehle zu, daß es kein luft haben könte. Doch wolte ers nicht tödten in betrachtung, er mehr ehre davon haben würde, wann ers lebendig dann todt gefangen und sich dessen bemächtiget hette; band ihm demnach alle vier füsse zusammen und ließ also liegen, gieng zum könig und sagte: “Seine majestät wollen das einhorn holen lassen. Dann hab es (sagt er) bei allen vieren zusammen gebunden.” Da sendet der könig wagen und pferde hin und ließ es mit verwunderung gen hofe holen. Nach diesem ward Freymond des königs tochter vermählet. ...
... Zuletzt gedachte sie den dingen nach und sagte zu ihrem eheherrn: “Mein allerliebster, ich hörte euch diese nacht reden, wie ihr das grosse wilde schwein, das so viele leute ums leben gebracht, getödtet, worüber ich so froh ward, als wenn es schon geschehen wäre. Als zweifle ich auch nicht dran, weil ihr das einhorn gefangen habt  (welches mehr ist, als wann ihrs getödtet), ihr werdet das schwein auch leicht bezwingen. ...
Freymod, der seine junge königin sehr liebte, gedacht: “Ist es dich mit dem einhorn gelungen, wer weis, es mächte dich mit dem wilden schwein auch gelingen.” ...
                                     aus der Nacherzählung in
                                     Der Geist von Jan Tambaur (um 1690)

Im Jahre des Augsburger Religionsfriedens, 1555, gab Jörg Wickram aus Colmar sein “Rollwagenbüchlein”, 1556 der Mauersmünsterer Stadtschreiber Frey seine “Gartengesellschaft”, 1557 der in Schwaben weilende Straßburger Montanus seinen “Wegkürzer”, 1558 der ehemalige Leipziger Student Lindener sein “Rastbüchlein” und sein “Katzipori”, 1559 Schuhmann, auch ein ehemaliger Leipziger Student, sein “Nachtbüchlein”, 1560 der Elsässer Hertzog seine “Schiltwacht” und 1563 der Hesse Kirchhof sein “Wendunmut” heraus. Alles Schwankbücher, in denen heitere oder merkwürdige Vorfälle und Geschichten gesammelt sind, damalige Tagesliteratur genauso wie mittelalterliche Predigtmärchen und Fabelsammlungen, lateinische Facetien der Humanisten Poggio, Bebel, Adelphus, die Novellen Boccaccios ebenso wie die illustrierten Flugblätter mit Mordgeschichten und die Volksballaden, Meisterlieder und Prosaschwänke. In vielen Auflagen hielten sich diese Schwankbücher bis ins 17. Jahrhundert hinein. Martin Montanus, um ca. 1537 vermutlich in Straßburg geboren, schrieb vor 1557 seinen “Andreützo (von Perusio)”. Von ihm erschien weiter eine zweite Schwanksammlung, den “Ander teil der Gartengesellschaft”, Einzelausgaben von drei weiteren Novellen aus dem Decameron Boccaccios (Thedaldus und Ermilina, Guiscardus und Sigismunda, Cymon und Iphigenia) in der Art des “Andreützo”, ein Gedicht von untereuen Wirten und drei Dramen, denen wieder Erzählungen von Boccaccio zu Grunde lagen. Obwohl Montanus reichlich Schwänke aus anderen Sammlungen entnommen hat, kann für die Märchen “Vom Erdkühlein”, “Vom tapferen Schneider”, “Vom Schwaben, der das Leberlein gefressen”, “Vom Bauern und Teufel” und “Von den Einkäufen und den verschiedenen Begrüßungen des Dummlings” keine ältere Aufzeichnung nachgewiesen werden, also der mündlichen Volksüberlieferung entnommen sind.
Nacherzählt wird Montanus “Von  einem könig, schneyder, rysen, einhorn und wilden schwein” bei Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM) Nr. 20: “Das tapfere Schneiderlein” 1811, bei Aurbacher, Büchlein für die Jugend 1834, S. 174 und bei Bechstein, Märchenbuch 1845 S. 5, “Vom tapferen Schneiderlein”.

1929 wurde das Märchen frei nach Martin Montanus “Wegkurtzer” von Adolf Wurmbach unter den Titel: “Von einem König, Schneider, Riesen, Einhorn und wilden Schwein”, als ein “ergetzlich Spiel in teutschen Reimen und acht Akten” nacherzählt. Hier ein Zitat daraus:

Der Schneider (zur Waldhexe):
Ich sollt das Einhorn fangen gan. -
So rate mir, wie fang ichs an?
Ists nit ein gar erschrecklich Tier? -
Drob graut der Schneiderseel in mir!