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Zwei Fabeln zum Thema Einhorn: Wer von Fabeln spricht, kommt nicht an Jean de La Fontaine vorbei:
V. - Fable IV.
Les Oreilles du Lièvre.
Un animal cornu blessa de quelques
coups Le Lion, qui, plein de courroux, Pour ne plus tomber en
la peine, Bannit des lieux de son domaine Toute bête portant des cornes à son front. Chèvres, béliers, taureaux, aussitôt
délogèrent; Daims et cerfs de climat changèrent : Chacun à
s’en aller fut prompt. Un lièvre, apercevant l’ombre de ses oreilles, Craignit que quelque inquisiteur N’allât
interpréter à cornes leur longueur, Ne les soutint en tout à des cornes pareilles. “ Adieu, voisin Grillon, dit-il; je pars d’ici : Mes oreilles enfin seroient cornes aussi, Et quand je les
aurois plus courtes qu’une autruche; Je craindrois même encor. ” Le Grillon repartit : “ Cornes cela? Vous me prenez pour
cruche; Ce sont oreilles que Dieu
fit. - On les fera passer pour cornes, Dit l’animal craintif, et cornes de
licornes. J’aurai beau protester; mon dire et mes raisons Iront aux
Petites-Maisons.
Jean de La Fontaine Die Löffel des Hasen
Einst stieß aus Ungeschick ein Hornvieh mit dem
Horn den Löwen, der , erfüllt von
Zorn, damit’s ihm nicht wieder
geschähe, ein jedes Tier aus seiner Nähe verbannt, das an der Stirn etwas wie
Hörner trug. Stier, Widder, Ziegenbock, begannen auszuwandern, das Damwild auch
sucht einen andern Wohnort - sie eilten schnell genug. Ein furchtsam Häslein sah
den Schatten seiner Ohren und meint’, um ihre Länge schon erklärt’ am
Ende sie für Hörner ein Spion; ob solcher Hörner hielt er fast sich für verloren. “Leb, Nachbar Grille, wohl!” spricht er. “Ich geh’ von hier; Und wenn sie kürzer noch als
Straußenohren wären, ich hätte dennoch Furcht.” Die Grille aber lacht: “Dies Hörner? Das, dein Wort in
Ehren, sind Ohren, wie sie Gott gemacht.”
- “Hier aber hält man sie für Hörner”, so spricht der Hasenfuß,
“für Einhornriesenhörner. Was Reden und Beweis? Was Gründe, ein und aus?
‘s wär’ alles nur fürs
Narrenhaus.”
Jean de La Fontaine
Die Fabeln des Leonardo da Vinci sind vielleicht weniger bekannt, aber er war ein Universalgenie:
Das Einhorn
Die Jäger sprachen von dem Einhorn wie von einem geheimnisvollen
Wesen. “Ist es ein Tier, oder ein Geist?” fragten sie sich. In der Tat, dieses fremde, kleine Pferd mit einem Horn mitten auf der Stirn tauchte bald hier, bald dort auf, aber niemanden glückte es,
ihm beizukommen. “Wild und sonderbar”, sagte ein Jäger. “Vielleicht ist es ein Bote der Unterwelt, der auf die Erde kam, um zu spionieren.” “Aber nein, es ist zu schön, um ein
unterweltlicher Geist zu sein; es muß ein Engel sein”, entgegnete ein anderer. Ein Mädchen, das allein unter einer Pergola saß, lauschte ins Schweigen, spann seine Wolle und lächelte. Dieses Mädchen kannte
das Einhorn gut, wußte alles von ihm, war sein Freund. Und wahrhaftig; nachdem die Menschen gegangen waren, kam das Tier hinter einem Gesträuch hervor und eilte zu dem Mädchen. Es ließ sich vor ihm nieder,
schmiegte seine Kinnbacken auf seine Knie und blickte es mit verliebten Augen an. Das Einhorn, der streunende, wilde Vierfüßler, der gewöhnlich vor jeder Nachstellung floh, hatte eine Schwäche für junge Mädchen.
Es liebte sie alle, und wenn es sich ergab, daß sie allein waren, näherte es sich ohne Scheu, um sie aus der Nähe zu bewundern. Nach der ersten Begegnung wurde es geradezu zahm wie ein Haustier und warb mit
seinem Maul um eine Zärtlichkeit. Sein sonderbare Liebe wurde ihm zum Verhängnis: Die Jäger entdeckten es eines Tages, und ohne Wissen des Mädchens stellten sie ihm eine Falle und töteten es.
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